Ich bin in Karachi, einem dieser Städtemonstren der Dritten Welt. Niemand weiß, wie viele Menschen hier überhaupt leben, und die Stadt platzt aus
allen Nähten. Aber das besondere hier ist das Klima der Gewalt, das sich über die Stadt gelegt hat. In Pakistan spricht man von der “Kalaschnikow-Kultur” in Karachi. Im Stadtteil Liaqatabad spreche ich mit Mohammad
Udar, einen Mann, der vier Familienmitglieder bei einem Raketenangriff verloren hat. Er hat das Pech neben dem örtlichen Polizeirevier zu wohnen, dem der Angriff gegolten hatte. Obwohl er erst vierzig ist, wirkt er wie
ein alter Mann.
[O-Ton:] Mohammad Udar
"Meine Familie saß beim Mittagessen, es war ungefähr Viertel vor Zwei. Meine Frau starb bei dem Raketenangriff, und zwei Söhne und ein
Enkelkind. Vier von unserer Familie wurden verletzt, und meine Tochter verlor einen Arm und ein paar Zehen. Ich bin vierzig Jahre alt.
Es waren zwei Raketen. Eine hat die Außenwand getroffen, die
andere traf uns direkt beim Essen. Insgesamt waren es vier Raketen, zwei haben das Polizeirevier getroffen, und die anderen beiden gingen daneben und trafen unser Haus."
[Sprecher:]
Ich treffe noch andere Opfer der Gewalt. Eine Witwe berichtet, wie ihr Mann entführt und gefoltert wurde. Schließlich habe man ihm eine Plastiktüte über den Kopf gestülpt und ihn erschossen. Seine Mörder,
sagt sie, würde sie mit den eigenen Händen umbringen.
Aber pakistanische Freunde haben mich gewarnt, in Karachi nur gebannt auf die Gewalt zu starren. Wer die Probleme der Stadt verstehen will, muß wissen,
wie sie entstanden sind. In der Redaktion der Zeitschrift Newsline spreche ich mit Nafisa Shah, eine der bekanntesten Journalistinnen des Landes:
[O-Ton:] Nafisa Shah
"Ich finde Karachi
ist eine schizophrene Stadt. Das sage ich immer wieder. ... Karachi war ein kleines Fischerdorf, noch vor 80 oder 90 Jahren. Es war sehr klein. Und plötzlich, als Pakistan sich von Indien trennte,
entschieden so viele nordindische Muslime, nach Karachi zu kommen. In 10 oder 20 Jahren verdoppelte und verdreifachte sich die Bevölkerung. Die Stadt und die Stadtverwaltung waren unfähig, mit den Problemen
einer Großstadt fertigzuwerden. Ich glaube, daher kommen die Gewalt, die Widersprüche, die Haßliebe der Menschen zu ihrer Stadt."
[Sprecher:]
Karachi ist die Wirtschaftsmetropole
Pakistans. Die Stadt verfügt über den einzigen Hochseehafen des Landes. Die großen pakistanischen Firmen, Banken, Versicherungen oder die nationale Fluglinie haben ihre Firmensitze hier, ebenso wie die Ableger der
multinationalen Unternehmen. Ein großer Teil der Wirtschaftskraft Pakistans ist in hier konzentriert. Karachi ist die reichste Stadt des Landes, sie ist so reich, daß sie 60 Prozent der Steuereinnahmen von ganz Pakistan
von hier kommen. Doch Reichtum gibt es nicht überall, sondern nur in den Geschäfts- und die Wohnvierteln der Mittelschicht und der Reichen. Dort, etwa im Stadtteil Clifton, sind Computersoftware, Modeboutiquen
und natürlich medizinische Versorgung, Strom und Wasser Selbstverständlichkeiten.
Tatsächlich hängen viele Probleme der Stadt mit ihrem Wachstum zusammen. Am nächsten Tag treffe ich den Gouverneur der
Provinz Sindh, deren Hauptstadt Karachi ist. Kamal Uddin Azfar empfängt mich im Besucherzimmer seines Palastes. Als ich ihn nach der Situation der Stadt frage, gerät der Gouverneur richtig in Fahrt.
[O-Ton:] Gouverneur
"Es gab fünf Wellen der Zuwanderung. Im ersten Jahrzehnt kamen die Leute aus Indien. Und als Karachi die Hauptstadt war, zog es viele Leute an. Die Regierung war
einer der wichtigsten Arbeitgeber. Das dauerte bis zur Mitte der fünfziger Jahre. Von der Mitte der fünfziger bis zur Mitte der sechziger Jahre gab es einen großen Zustrom aus dem Rest des Landes, vor allem aus
dem Norden. Damals wurde Karachi zur größten paschtunischen Stadt der Welt. Der größte Teil der körperlich hart Arbeitenden, die Hafenarbeiter, Bauarbeiter und Transportarbeiter sind Paschtunen. ... Sie sind
im großen und ganzen sehr friedlich. Obwohl es zu ihrer Kultur gehört, Waffen zu tragen. Aber weil sie mit ihren wirtschaftlichen Arbeiten so beschäftigt sind, bilden sie ein sehr friedliches Element in unserer
Stadt.
In den siebziger Jahren kam die dritte Welle (der Zuwanderer), und zwar aus Bangladesch. Und in den achtziger Jahren kam die nächste Welle, diesmal wegen des Krieges in Afghanistan. Die Leute, die in den
70er Jahren aus Bangladesch kamen, waren die Nichtbengalen, aber in den achtziger Jahren kamen jetzt auch Bengalen aus Bangladesch. Wir schätzen ihre Zahl in Karachi auf bis zu eine halben Million.... Vermutlich sind
auch bis zu 200.000 Iraner hier, und vielleicht ebenso viele Afghanen."
[Sprecher:]
Karachi ist heute eine multikulturelle Stadt, da hat der Gouverneur Recht. Rund die Hälfte der
Bevölkerung sind die sogenannten Mohadschirs, die Zuwanderer oder Flüchtlinge aus Indien oder deren Nachkommen, die bei der blutigen Teilung Indiens und der Gründung Pakistans über die Grenze gekommen sind.
Mohadschir bedeutet eigentlich nur “Flüchtling”, und die Gruppe war bunt gemischt. Inzwischen haben sie eine gemeinsame ethnische Identität entwickelt.
Die zweitgrößte Gruppe sind die Paschtunen, die aus dem
nordwestlich gelegenen Grenzgebiet zu Afghanistan zugewandert sind. Sie kamen vor allem aus wirtschaftlichen Gründen. Außerdem gibt es pundschabische und belutschische Bevölkerungsgruppen in der Stadt , sowie Sindhis,
die ursprünglichen Einwohner der Provinz Sindh. In ihrer Hauptstadt Karachi bilden die Sindhis aber inzwischen nur eine kleine Minderheit.
Vor allem die Zuwanderer haben aus Karachi eine Riesenstadt werden lassen.
Bei der Unabhängigkeit Pakistans, also vor knapp 50 Jahren, gab es hier weniger als eine halbe Million Einwohner. Heute kennt niemand ihre Zahl, auch der Gouverneur oder die Stadtverwaltung haben nur grobe Schätzungen.
Vermutlich leben heute rund 15 Millionen Menschen in der Stadt, und in den nächsten 25 Jahren dürfte sich die Zahl noch einmal verdoppeln.
Tatsächlich ist nicht die Größe
der Stadt das Hauptproblem, sondern daß sie mit ihren Folgen ihres raschen Anwachsens nicht zurechtkommt. Millionen von Menschen strömten in eine Metropole mit dem Zuschnitt und der Infrastruktur einer mittleren Provinzstadt. Das Straßennetz, das Transportwesen, die Energie- und Wasserversorgung, die Müllabfuhr, der Wohnungsbau, alles ist vom explosiven Wachstum vollkommen überfordert. Während die Reichen und Prominenten sich in wenigen Edelstadtteilen eingeigelt haben, lebt mehr als ein Drittel der Bevölkerung in Slums oder in schnell zusammengezimmerten Hütten auf besetztem Land. Davon spricht der Gouverneur aber nicht. Ich verlasse sein Besucherzimmer mit Klimaanlage, und trete wieder hinaus in die schwüle Hitze. Durch das Verkehrsgewühl fahre ich in eines der ärmeren Stadtteile und unterhalte mich mit Passanten.
[O-Ton:] Passant
"Hier gibt es Schwierigkeiten mit dem Abwasser. Und andere Probleme für die Leute hier in dem Viertel. Es gibt keine medizinischen Einrichtungen, keine
Krankenhäuser. ... Alles ist weit weg, und das ist in Notfällen schwierig. Das Abwassersystem ist zusammengebrochen. Und sauberes Trinkwasser gibt es auch nicht."
[Sprecher:]
Am Straßenrand türmt sich der Müll. Gemüseabfall und Reste von Tierkadavern liegen in der Sonne und verwesen. Schon bei leichtem Wind wirbelt ein feiner, heller Staub durch die Straße. Eine Krankenschwester erzählt mir,
daß vor allem Kinder unter diesen Bedingungen leiden, daß die Krankheitsrate hier besonders hoch ist. Durchfallerkrankungen, Unter- und Mangelernährung sind besonders häufig. Dabei ist diese Straße kaum eine Steinwurf
vom reichen Viertel Clifton entfernt, in dem auch Benazir Bhutto wohnt, die pakistanische Ministerpräsidentin.
Es wird spät, und die Zeit drängt. Ich bin zu einem Gespräch bei der Stadtverwaltung eingeladen.
Ich verabschiede mich von der Gruppe Passanten, die inzwischen von irgendwoher Tee besorgt hatte, und mache mich auf den Weg. Zu meiner Überraschung empfangen mich sieben Gesprächspartner auf einmal. Wir unterhalten uns
zum Klang einer museumsreifen Klimaanlage.
[O-Ton:] Muhammad Yousuf
"In den letzten Jahren gab es eine absolute Krise in der Stadt, 1994 brach tatsächlich die gesamte Stromversorgung zusammen und
die Regierung mußte eingreifen. Die Gründe sind, daß die Kraftwerke und das Leitungssystem nicht rechtzeitig überholt wurden, weil kein Geld da war."
[Sprecher:]
Ein Kollege fügt hinzu:
[O-Ton:]
"Der Verkehr und das Transportwesen sind wichtige Probleme. ... Die Bevölkerung Karachis wächst jedes Jahr um 5,5 Prozent, aber die Zahl der Fahrzeuge um 10
Prozent. Da können Sie sich vorstellen, wie es auf unseren Straßen aussieht. Wir haben nur ein begrenztes Straßennetz von 7400 Kilometern Länge. Die meisten Straßen sind jetzt voll mit dichtem Verkehr.
Unser öffentliches Verkehrssystem ist viel zu klein, es gibt keine Parkplätze, eine hohe Unfallrate, eine ungenügende Infrastruktur."
[O-Ton:] Straßenlärm: (kurz stehenlassen, dann dem Sprechertext
unterlegen, wieder kurz stehenlassen)
[Sprecher:]
So klingt es, wenn man versucht, sich in Karachi fortzubewegen. Fast zwanzig Minuten stecke ich in der Innenstadt im Verkehr fest, es geht
keinen Schritt vor oder zurück. Vor dem Wagen stehen zwei Busse quer, können aber selbst nicht weiter. Hinten, rechts und links weitere Autos und Fahrzeuge aller Art. Hier hilft nur Geduld.
[O-Ton:] Straßenlärm
[Sprecher:]
Nun habe ich einiges zu den Problemen der Stadt erfahren, erlebe gerade den Zusammenbruch der Infrastruktur am eigenen Leib. Aber all das passiert ja auch in anderen Riesenstädten
der Dritten Welt, in Kairo. Mexiko City oder Manila. Es kann kaum die Ursache für die Welle der Gewalt in der Stadt sein, die Karachi von anderen Metropolen unterscheidet. Woran liegt es also, daß sich in dieser Stadt
eine Kultur der Gewalt festgesetzt hat?
Kurzmusik
(jeweils ein paar Takte pakistanischer Musik, vorzugsweise von Nusrat Fateh Ali Khan)
[Sprecher:]
Mehr
als 2000 politische Morde hat es im letzten Jahr in der Stadt gegeben, Politiker, Geschäftsleute, unbeteiligte Personen und Polizisten wurden umgebracht. In manchen Stadtteilen herrschte geradezu ein Klima der Angst.
Häufige Streiks legten die Stadt lahm, und nicht selten waren sie von Gewaltausbrüchen begleitet. Ich treffe den Polizeichef Karachis. Er heißt Muhammad Suddle. Die Sicherheitsmaßnahmen im Polizeipräsidium sind eher
lax, niemand kontrolliert mich oder mein Tonbandgerät. Hinter seinem Schreibtisch hängt eine Tafel mit einer langen Liste der früheren Polizeichefs an der Wand. Ich lese dort, daß Muhammad Suddle erst seit Juli 1995
amtiert. Auf Stühlen vor und neben dem Schreibtisch sitzen fünf Mitarbeiter und Untergebene.
[O-Ton:] Polizeichef
"Es gibt ein Problem der Sicherheit in der Stadt. Unschuldige Leute werden
ermordet, Raketen auf Regierungsgebäude geschossen, sogar auf Polizeireviere, Polizisten werden zu Zielscheiben ... Letztes Jahr wurden 200 Polizisten ermordet."
[Sprecher:]
Ein Polizeioffizier fügt hinzu:
[O-Ton:] Polizeioffizier Liaqatabad
"Im letzten halben Jahr haben wir leichte Maschinengewehre, Raketenwerfer, Panzerfäuste beschlagnahmt. Außerdem
Kalaschnikows, Gewehre, Pistolen, Revolver, Karabiner, Dynamit, Handgranaten, Bomben, darunter selbstgebaute, sehr gefährliche." ..
[Sprecher:]
Ich bitte den Polizeichef, eine
Polizeistreife durch eines der bekannten Problemviertel begleiten zu dürfen. Polizeioffizier Kamran holt mich mit einem Dienstwagen und einem gepanzerten Fahrzeug ab. Während der Fahrt erklärt er mir den Stadtteil
Liaqatabad, in dem auch Mohammad Udar den Raketenangriff auf sein Haus erlebt hatte. Hier leben 700.000 Menschen.
[O-Ton:] Polizeioffizier
"Die Mehrheit in diesem Viertel sind Urdu-sprachige
Mohadschirs, das sind rund 90 Prozent. 5 Prozent sind Pundschabis, und 2 oder 3 Prozent Paschtunen. Der Rest sind Sindhis.
Früher konnten wir hier während der vielen Streiks nicht einmal in gepanzerten
Mannschaftswagen fahren. Es gab brennende Autoreifen, brennende Fahrzeuge. Bei einem der Streiks brannten allein hier elf Autos. Wir konnten hier nicht hin. Von dort oben wurde auf uns geschossen, und von da, aus diesen
kleinen Gassen."
[Sprecher:]
Die Straßen werden so eng und verwinkelt, daß kein Auto mehr fahren kann. Es geht zu Fuß weiter. Drei Polizisten mit Maschinenpistolen gehen uns voran,
sichern die Umgebung. Sie halten die Hauseingänge, Fenster und Dächer im Auge, aber Heckenschützen entdecken sie heute nicht. Drei weitere schwerbewaffnete Polizisten sichern uns von hinten. Mir fällt auf, daß sie in
einer bestimmten Gasse besonders vorsichtig und nervös werden. Auch in diese Gegend konnte sich noch vor einem halben Jahr kein Polizist wagen. Wir gehen auf ein Haus zu, das von einer hohen Mauer umgeben ist. Durch
eine Metalltür kommen wir in den kleinen Hof, dann ins Gebäude. Man erklärt mir, daß es sich um das “Grüne Haus” handele, ein berüchtigtes Folterzentrum. Heute ist es leer. Ein Polizist zeigt auf ein großes Loch im
Betonboden:
[O-Ton:] Polizeioffizier
"Hier haben wir einige Leichen gefunden, ich glaube vier oder fünf. Das war das Folterzimmer. Dort drüben hingen Stricke. Es war ein großes
Durcheinander. Das war ihr Folterstützpunkt. Und hier waren sie sicher, weil die Polizei sich nicht in diese Gegend trauen konnte. Es gab alle möglichen Arten von Räumen."
[Sprecher:]
Beim Rückweg durch die engen Gassen fällt auf, daß die Einwohner sich trotz unserer martialischen Polizeieskorte erstaunlich normal verhalten. Noch vor einem Jahr flohen sie schnell in die Häuser oder Nebenstraßen, wenn
irgendwo ein Polizeiwagen oder eine Patrouille auftauchte. Kinder und Jugendliche arbeiteten gegen mäßige Bezahlung als Späher und Wachposten, und wenn sie Alarm schlugen, waren die Straßen bald wie ausgestorben. Jetzt
verhält man sich den Polizisten gegenüber eher gleichgültig. Selbst als ich in ihrer Begleitung mit einer Gruppe jugendlicher Mohadschirs spreche, sind sie freundlich und aufgeschlossen - obwohl schnell klar ist, daß
ihre Sympathie bei der MQM liegt. Ein anderer Passant, ein Student, ist froh, daß die Lage im Viertel jetzt ruhiger ist als im letzten Jahr.
Kurzmusik
[Sprecher:]
Der größte Teil der Gewalt in Karachi geht von der MQM aus, der Mohadschir Qaumi Movement. Das ist die Partei der Mohadschirs, der ehemaligen Einwanderer und Flüchtlinge aus Indien, die in Karachi die
Mehrheit stellen. In Stadtteilen wie Liaqatabad sind über 90 Prozent der Einwohner Mohadschirs. Die MQM verfügt über eine breite Basis, und gegen sie kann Karachi auf Dauer kaum regiert werden. Sie ist im Parlament der
Provinz Sindh vertreten. Die MQM ist noch stärker als andere Parteien nach dem Führerprinzip organisiert, ihr Chef lebt in London und lenkt seine Truppe per Fax und Telefon. Sie hat einen gewalttätigen Flügel, der zu
jeder Art von Terror bereit ist. Für rund drei Viertel der politischen Morde dürfte sie verantwortlich sein. Die Partei selbst streitet das allerdings ab.
Zaigham Khan ist Journalist beim Herald,
einer der beiden wichtigen politischen Magazine des Landes. Er ist ein unabhängiger Beobachter, der häufig mit großer Schärfe die Regierung kritisiert. Aber auch seine Einschätzung der MQM läßt an Deutlichkeit nichts zu
wünschen übrig.
[O-Ton:] Zaigham Khan
"Ich halte die MQM für eine faschistische Partei. Sie hat ihre Gegner durch Mord beseitigt. Sie hat Tausende ihrer Gegner ermordet, aber nicht nur
Gegner: sie tötet unpolitische Leute, Arbeiter, sie tötet hunderte von ihnen. Es geht ihr nur darum, als mächtig wahrgenommen zu werden. Sie hat Leute gefoltert, getötet, ihre Körper verstümmelt, die Leichen in einen
Sack gepackt und auf die Straße geworfen. Nur um ein Bild des Schreckens zu erzeugen."
[Sprecher:]
Am nächsten Tag mache ich mich wieder auf den Weg quer durch die Riesenstadt. Ich
fahre zum Hauptquartier der MQM und treffe dort einen ihrer Spitzenpolitiker. Syed Bukhari ist ein freundlicher, etwas nervöser kleiner Mann mit einem großen Schnurrbart. Bukhari ist Rechtsanwalt und stellvertretender
Fraktionsvorsitzender der MQM im Provinzparlament. Er zeigt mir sein Wohlwollen, indem er die Klimaanlage so kühl einstellt, daß ich trotz der Hitze friere. Kaum habe ich mich gesetzt, bestellt er schon die erste Tasse
Tee. Und sofort beginnt er, die Politik seiner Partei zu erklären. Bukhari betont immer wieder die Benachteiligung der Mohadschirs.
[O-Ton:] Bukhari
“Nehmen Sie z.B. die Zulassung zu den Universitäten
oder zum öffentlichen Dienst. Da wird selbst die von der Verfassung garantierte Quote nicht angewandt. In Wirklichkeit wird nur etwas mehr als 1 Prozent der Stellen an die Mohadschirs vergeben. Wenn es freie
Stellen gibt, dann geht kaum eine davon an unsere Leute, und an die Landbevölkerung. Wir werden wegen unserer Sprache benachteiligt. Wir sprechen Urdu. Trotz der Tatsache, daß Urdu die Nationalsprache
ist. Wir werden diskriminiert, weil wir Mohadschirs sind.”
[Sprecher:]
Auch wenn sich über Zahlen streiten läßt: Syed Bukhari hat mit seiner Kritik Recht. Tatsächlich werden in der
Provinz Sindh Arbeitsplätze im öffentlichen Dienst oder Studienplätze nach einem Quotensystem vergeben, das die Sindhis auf Kosten der Mohadschirs bevorzugt - und selbst diese Quoten werden nicht angewandt, wenn die
Mohadschirs einen Vorteil davon hätten. Da die Mohadschirs traditionell besonders auf die Arbeitsplätze im öffentlichen Dienst angewiesen sind und Hochschulbildung oft eine Zugangsvoraussetzung für die besseren Posten
ist, trifft sie das besonders.
Aber dahinter verbergen sich tieferliegende Konflikte. Mubarak Ali war jahrelang Direktor des Goethe Instituts
in der Stadt Lahore. Er kennt nicht nur Karachi sehr gut, sondern auch den Rest des Landes. Er hatte mir schon früher das Entstehen des Konfliktes erklärt.
[O-Ton:] Mubarak Ali
"Der Konflikt
entstand nicht zwischen den einfachen Leuten, sondern im Bildungswesen. Es gab einen Konflikt über die Zulassung zu den medizinischen technischen und landwirtschaftlichen Hochschulen. Es war ein Konflikt
zwischen Jugendlichen. Denn das waren die Einrichtungen, durch die man einen guten Arbeitsplatz finden konnte. Und der Konflikt zwischen Sindhis und Mohadschirs findet in gewissem Sinne immer noch vor allem
zwischen den Gebildeten statt."
[Sprecher:]
Die Mohadschirs sind auf dem Land und in der Provinz insgesamt deutlich in der Minderheit, aber in Karachi und einigen anderen Städten in
der Mehrheit. Der Konflikt trägt deshalb Züge eines Stadt-Land-Gegensatzes. Karachi gegen den Rest der Provinz Sindh, so läßt sich der Konflikt besser verstehen, als wenn man ihn nur auf die Stadt selbst bezieht. Und
weiter kompliziert wird es dadurch, daß die großen Städte politisch von der MQM dominiert werden, die ländlichen Bezirke aber von der Pakistanischen Volkspartei
der Ministerpräsidentin Benazir Bhuttos. Ein Teil des Konfliktes resultiert aus dem Gegensatz dieser beiden Parteien.
Aber das ist nicht alles. Die Mohadschirs - vor allem ihre Führungsgarnitur - sind von der
Mittelschicht geprägt. Rechtsanwälte, Lehrer, Angestellte, Ladenbesitzer, Studenten - aus diesen Gruppen kommt das Führungspersonal. Die MQM ist das Instrument der Mittelschichten unter den Mohadschir. Umgekehrt sind
die meist auf dem Land wohnenden Sindhis nicht nur landwirtschaftlich geprägt, sondern noch von Feudalinteressen kontrolliert. Die Landwirtschaft - und damit die Feudalherren - sind in Pakistan von Steuerzahlungen
befreit, während Karachi mit seinen Steuern den Rest des Landes finanziert. Der Konflikt ist damit auch ein Klassenkrieg, bei dem die aufstrebenden, städtischen Mittelschichten die Vorherrschaft der Feudalisten
abschütteln wollen.
Mein Gesprächspartner von der MQM ist sich dessen sehr bewußt:
[O-Ton:] Bukhari
"Die feudalistischen Parteien kontrollieren die Politik. Zulfikar Ali Bhutto oder
seine Tochter Benazir Bhutto sind selbst Feudale. ... Diese feudalen Familien regieren das Land so: Ein Bruder ist geht zur Armee, der zweite wird Politiker und der dritte bleibt Großgrundbesitzer.
Das sind nur 2 Prozent der Bevölkerung, 98 Prozent sind arm oder gehören zur armen oder zur wohlhabenderen Mittelschicht. Uns Mohadschirs, die Pakistan geschaffen haben, enthält man alles vor. ... Diese
Großgrundbesitzer zahlen keine Steuern, wir müssen aber zahlen. Rund 60 Prozent aller Steuern der Bundesregierung werden aus Karachi bezahlt. Und 70 Prozent der Steuern der Provinz Sindh kommen aus unserer
Stadt."
[Sprecher:]
Diese Kritik ist vollkommen berechtigt, auch wenn sie von einer Partei geäußert wird, die Gewalt und Terror einsetzt. Weil die beiden großen Parteien des Landes in
Karachi hoffnungslos in der Minderheit sind, wird die Stadt lange vernachlässigt und vor allem als Geldquelle betrachtet. Als ich nach der Rolle der Gewalt in der Politik der MQM frage, wird Bukhari etwas nervös,
antwortet dann aber doch.
[O-Ton:] Bukhari
"Wir sind keine Engel. Aber es ist nicht die Politik der MQM, unschuldige und nicht unschuldige Menschen zu töten. Das ist nicht unsere
Politik. Das Problem ist folgendes. Wenn eine Person einen Bruder verloren hat, den die Polizei getötet hat, rächt sie sich. Diese Person wird die Polizei angreifen. Aber das ist nicht die Politik der
Partei."
Kurzmusik
[Sprecher:]
Im letzten halben Jahr hat die Gewalt in Karachi abgenommen. Sowohl die Politiker als auch die Polizei sind darauf stolz. In den letzten
Monaten hat es keinen größeren Anschlag gegeben. Die Zahl der Morde ist drastisch gesunken. Die Erfolge der Polizei sind unbestreitbar. Aber die Gründe dafür sind nicht einfach eine bessere Ausbildung und Ausrüstung,
wie die Regierung behauptet. Die Ursache ist vor allem eine neue Polizeitaktik, die im Juli letzten Jahres eingeführt wurde. Die Zeitungen sind seitdem voll von Berichten, nach denen Verdächtige im Polizeigewahrsam
gefoltert oder erschossen wurden.
Später wird meist behauptet, daß sie an einem Herzinfarkt oder bei einem "Schußwechsel" ums Leben gekommen seien.
Die Polizei schlägt jetzt mit der gleichen Brutalität zu wie die MQM, und sie hat damit Erfolg.
Zwar gibt der Polizeichef an, daß schon 500 Polizisten wegen Übergriffen entlassen und 150 Strafverfahren eingeleitet
gezogen worden seien, aber er selbst und die politische Führung scheinen sich doch bewußt dafür entschieden zu haben, Terror mit Terror zu bekämpfen. Es dürfte kaum ein Zufall sein, daß die neue Taktik genau zu dem
Zeitpunkt begann, als Polizeichef Suddle sein Amt antrat. Der Journalist Zaigham Khan, der zuvor die MQM als faschistisch bezeichnet hatte, spricht sogar von Todeslisten der Polizei.
[O-Ton:] Zaigham Khan
"Bezüglich der Sicherheitslage hat die Regierung im Moment einen Weg gefunden (die MQM) unter Kontrolle zu halten. Und das wird durch ungesetzliche Morde erreicht. Sie hat eine Liste von Leuten
angelegt, die vor allem Kriminelle sind, Mörder, die hunderte von Menschen ermordet haben. Es scheint eine stille Übereinkunft zwischen Regierung und Polizei gegeben zu haben, sie bei fingierten Zusammenstößen zu töten.
Es kommt zu Zusammenstößen, die gestellt sind. Sie hat einen Weg gefunden, sie zu beseitigen. Deshalb ist Karachi momentan friedlich."
[Sprecher:]
“Extralegale Tötungen” -
das ist der in Pakistan gebräuchliche Ausdruck. Aber genaugenommen handelt es sich einfach um die Ermordung von Verdächtigen durch die Polizei. Anstatt sich der Mühe zu unterziehen, Verdächtige oder Verbrecher
festzunehmen und vor Gericht zu stellen, macht man kurzen Prozeß und erschießt sie. Polizisten streiten diese Praktiken zwar regelmäßig ab, so wie auch die MQM ja ihren Terror bestreitet. Doch zugleich wird das Vorgehen
indirekt gerechtfertigt: so viele Kollegen seien bereits ermordet worden, nun seien drastische Maßnahmen nötig, um sich zu schützen. Auch auf das ineffiziente, langsame und korrupte Gerichtswesen könne man sich nicht
verlassen. Und schließlich sei es schwierig, Zeugen für Gerichtsverfahren gegen die Terroristen zu finden, da sie Angst um ihr Leben hätten. Diese Argumente treffen alle zu, wie ja auch die Beschwerden der MQM meist
berechtigt sind. Aber: zusammengenommen bedeuten sie, daß die Polizei Gerichte und rechtsstaatliche Verfahren für hinderlich bei der Verbrechensbekämpfung hält. Wozu braucht man dann eigentlich noch ein Justizwesen?
In der pakistanischen Öffentlichkeit sind diese Praktiken sehr umstritten. Zwar hat kaum jemand Sympathie für den Terror der MQM. In der Stadt und in ganz Pakistan ist man das Blutvergießen gründlich leid. Aber die
brutalen Übergriffe der Polizei werden auch dann kritisiert, wenn sie erfolgreich sind. Mubarak Ali bringt eine Gefahr der Polizeitaktik auf den Punkt.
[O-Ton:] Mubarak Ali
"Die Regierung erkennt
nicht, daß sie die Sicherheitskräfte verändert und brutalisiert. Sie verachten inzwischen die einfachen Leute, sie zögern nicht, sie zu töten. Ich fürchte, das wird nicht auf Karachi beschränkt
bleiben. Wenn man die Armee, die Polizei und die Grenzschutztruppen erst einmal brutalisiert hat, dann werden sie ihre Politik der Verachtung und Mißachtung überall anwenden. Es ist sehr gefährlich in
Pakistan, diese extralegalen Tötungen der Polizei zu erlauben. Wenn man ihnen freie Hand gibt, einfache Bürger zu erschießen, willkürliche Verhaftungen vorzunehmen, dann glaube ich läßt sich das nicht auf Karachi
beschränken, sondern es kann sich auf ganz Pakistan ausdehnen. Das wäre sehr gefährlich für unsere Gesellschaft."
[Sprecher:]
Diese Gefahr ist sehr real. Aber es gibt noch eine
zweite: daß die Regierung sich auf die Unterdrückung der MQM beschränkt und eine politische Lösung des Konflikts für nicht mehr erforderlich hält. Dann aber wäre nicht auszuschließen, daß die Gewalt bald erneut
ausbricht. Und auch in diesem Fall wäre nicht nur Karachi betroffen: die Lähmung der pakistanischen Wirtschaftsmetropole würde die Entwicklung des ganzen Landes bedrohen. Pakistan liegt zwischen den Krisenherden
Afghanistan, Kaschmir und Tadschikistan, die alle von ethnischen oder religiösen Konflikten zerrissen werden. Auch Pakistan ist ein Vielvölkerstaat mit über 30 Sprachen. Karachi ist wie ein Brennglas der möglichen
ethnischen Konflikte des Landes. Schon am ersten Tag meines Aufenthaltes in der Stadt hatte ich Ghulam Hasnain getroffen, einen Journalisten der Tageszeitung Dawn. Er hatte mir erklärt:
[O-Ton:]
"Offiziell ist es so, daß wir alle Muslime sind, und alle Muslime haben die gleichen Rechte. Aber das stimmt nicht. ... In Wirklichkeit zählt vor allem die ethnische Zugehörigkeit."
[Sprecher:]
Wenn Hasnain damit wirklich Recht hätte, sähe die Zukunft des multikulturellen Karachi sehr düster aus. Ein Wiederaufflammen des Bürgerkrieges wäre nicht nur für die Bürger der Stadt eine
Katastrophe. Bisher findet die Gewalt vor allem zwischen einer Gruppe, den Mohadschirs, und dem Staat statt. Wenn daraus wirklich ein gewaltsamer Konflikt zwischen den ethnischen Gruppen würde, nähme er einen noch
blutigeren Charakter an. Wenn die Paschtunen oder Pundschabis in Karachi hineingezogen und selbst zur Konfliktpartei würden, könnte sich die Gewalt leicht auf ihre Hauptsiedlungsgebiete ausdehnen. Alle 130 Millionen
Pakistanis würden wirtschaftlich oder durch politische Unsicherheit darunter leiden, schließlich ist Karachi nicht irgend eine beliebige Stadt, sondern das wirtschaftliche Nervenzentrum des Landes. Instabilität in ganz
Pakistan wäre das allerletzte, das diese konfliktträchtige Region gebrauchen kann.
Das Problem der Gewalt in Karachi ist nicht unlösbar. Fast alle Bewohner der Stadt sind den Terror gründlich leid und wünschen sich
Frieden. Der MQM bleibt letztlich ohnehin keine Alternative zum Kompromiß, da sie außerhalb der Städte der Provinz Sindh bedeutungslos ist. Ihr Terrorismus zielt eigentlich nur darauf, die eigene Bedeutung und
Verhandlungsposition künstlich zu steigern. Wenn die Regierung die Benachteiligung der Mohadschirs beenden und in Karachi wieder eine demokratisch gewählte Stadtverwaltung erlauben würde - dann entzöge sie der Gewalt
schnell seine Grundlage. Wenn sie diese Chance einer politischen Lösung ergreift, könnte aus Karachi wieder eine normale Großstadt werden - sonst aber besteht die Gefahr, daß eine neue Runde des Bürgerkrieges bevorsteht.
Kurzmusik
[Sprecher:]
Karachi ist in den letzten Monaten ruhiger geworden, aber der Konflikt noch nicht gelöst. Die Regierung scheint zu glauben, daß sie durch die Polizei
die Lage jetzt unter Kontrolle gebracht hat. Zumindest hatte mir das der Gouverneur so gesagt. Er meinte, durch die Polizei und eine Verbesserung der wirtschaftlichen Lage das Problem lösen und so die MQM praktisch
ignorieren zu können. Das dürfte sich als Illusion erweisen. Zu stark ist diese Partei in der Stadt verankert. Nur durch eine politische Verständigung aller Konfliktparteien kann die Gewalt wirklich beendet werden.
Pakistan ist eines der ärmsten Länder der Welt. Die Mehrheit seiner Bevölkerung lebt unter miserablen Bedingungen, Kinderarbeit und Mangelernährung sind verbreitet. Nur eine rasche wirtschaftliche Entwicklung könnte
hier Abhilfe schaffen. Dazu aber ist Friede in Karachi eine Voraussetzung. Die Stadt ist das wirtschaftliche Zentrum des ganzen Landes, und ein zehntel aller Pakistanis leben hier. Solange sie von der Gewalt gelähmt
bleibt, sinken die Entwicklungschancen. Investoren und Geschäftsleute aus dem Ausland werden abgeschreckt, da sie um ihre Sicherheit fürchten und die Infrastruktur zusammenbricht. Nur, wenn der Teufelskreis aus der
Benachteiligung der Mohadschirs, der Vorherrschaft der Feudalherren und der Gewalt der MQM beendet wird, kann die Stadt ihre Probleme lösen. Und nur dann kann sich Pakistan erfolgreich entwickeln und sein beträchtliches
Potential nutzen.