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Jochen Hippler Die Zukunft des interkulturellen Dialoges nach den Terroranschlägen Der Krieg der Zivilisationen ist
von einer Chimäre zur realen Gefahr geworden: wenn die Vereinigten Staaten nach oder neben Afghanistan nun tatsächlich in den nächsten Monaten den Irak, Somalia und vielleicht andere oder weitere Länder im Nahen und Mittleren Osten
angreifen sollten - auch vom Libanon, gar Syrien und dem Iran ist die Rede, manchmal wird die Liste noch länger - dann mögen die offiziellen Kriegsziele dies nicht beinhalten, aber der Eindruck eines Krieges gegen den islamischen
Kulturraum wäre dann kaum noch vermeidbar. Die Rechtfertigung der diversen Militäreinsätze und Kriege mögen sich dann zwischen dem Kampf gegen den Terrorismus und dem gegen die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen bewegen -
dies wird aber zumindest im Nahen und Mittleren Osten den Eindruck nicht zerstreuen, daß „der Westen“ oder die USA unter verschiedenen Vorwänden einen säkularen Kreuzzug gegen die Muslime führen: schließlich besitzt der Westen
selbst Massenvernichtungswaffen toleriert die israelischen, und hat durchaus immer mal wieder Terroristen unterstützt, wenn es ihm passend erschien. Warum also jetzt aus solchen Gründen muslimische Länder angreifen, die sich
vielleicht falsch verhalten haben, vielleicht gar Verbrechen begingen - aber doch kaum andere als die, an denen auch die westlichen Länder sich oft schulig gemacht haben. Dieses Argument ist im Nahen und Mittleren Osten häufig zu
hören, nicht erst seit den Anschlägen. Jeder ernsthafte Dialog mit dem islamisch geprägten Kulturkreis muß sich mit solchen Erfahrungen und Wahrnehmungen der Dialogpartner auseinandersetzen, die im Westen oft keinen Partner zu
erkennen vermögen, sondern ein Machtsystem, das nach Dominanz strebt und ethische und diskursive Argumente nur dann ernstnimmt, wenn sie ihm selbst nützen. Anders formuliert: der Ausgangspunkt des interkulturellen Dialoges ist
nicht der herrschaftsfreie Diskurs über gemeinsame oder unterschiedliche Werte, sondern die Erfahrung eines dramaitischen Machtungleichgewichtes. Objektiv bedeutet „Dialog der Kulturen“ zwischen dem Westen und dem Nahen Osten den
Austausch zwischen Mächtigen und Machtlosen. Das erklärt die häufige kulturelle Hochmut der Westler ebenso, wie die Mischung von Bewunderung und trotziger Feindseligkeit auf Seiten vieler Muslime. Der Terrorismus des 11.
September in New York und die kriegerische Reaktion der USA gegen Al-Qaida und das Afghanistan der Taliban schuf den ganzen, meist halbherzigen Dialogversuchen einen neuen Rahmen: einerseits demonstrierte beides gerade die
Notwendigkeit, den interkulturellen Dialog endlich aus dem Reich der Sonntagsreden in die Realität zu überführen und ins Zentrum der Politik zu rücken. Zugleich aber war das Wechselspiel von terroristischer Gewalt und
kriegerischer Gegengewalt emotional so wirkungsmächtig, daß mancher zarte Ansatz zum besseren Verständnis voneinander wieder untergraben wurde. Die emotionale Kraft der Gewalt und ihrer Fernsehbilder verleiten zu neuer
Schematisierung, zu neuen Ängsten voreinander und zu neuen Feindbildern. Da kommt es dann schon einmal vor, daß scheinbar beruhigend formuliert wird: "Nicht jeder, der zu Allah betet, ist ein "Gotteskrieger" und
bereit, zur Waffe zu greifen." - so etwa der Rheinische Merkur. Nicht jeder Muslim ist also ein Gewalttäter, aber vielleicht jeder zweite? Oder nur jeder dritte?
Selbst in der seriösen und in solchen Dingen meist betont nüchternen Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung finden sich seit dem 11. September erstaunliche Einschätzungen: Nach dem Lärm um Samuel Huntingtons „Clash of
Civilizations“ gab es in Europa eine Gegenbewegung zur Wahrnehmung des Islam als feindlich. Von Teilen der Zivilgesellschaft und der Medien bis zu Sektoren der politischen Elite bestand ein erkennbares Bemühen um einen
differenzierenden Umgang mit „dem Islam“, das neben außenpolitischen Dimensionen vor allem auf den innenpolitischen Kontext (Migration, Ausländerfeindlichkeit, Angriffe auf Türken) zielte. Zwar gab es auch dabei einen hohen Anteil
leerer Gesten, die eher auf die Selbstberuhigung denn auf einen tatsächlichen Dialog mit den Anderen zielten, aber trotzdem änderte sich in manchen Medien und durch viele Initiativen in Städten und Gemeinden das Klima zum Besseren.
So war es etwa ein Fortschritt, daß die barbarische Zerstörung der Buddha-Statuen im afghanischen Bamiyan nicht „dem Islam“, sondern einer bornierten Politik der Taliban zugerechnet wurde. Nun drohen die Anschläge des 11.
September und die kriegerische Reaktion der USA diese bescheidenen Ansätze zunichte zu machen. Dies würde dem Kalkül der Terroristen, die ja gerade auf die möglichst weitgehende Zuspitzung einer Konfrontation zwischen dem Westen
und der islamischen Welt zielen, um sich dabei selbst zur „Speerspitze des Islam“ zu profilieren, direkt in die Hände spielen. Wenn heute Kurden auf der Straße angepöbelt werden, türkische Taxifahrer sich sagen lassen müssen „Mit
Moslems fahr ich nicht“, wenn Ausländer noch schwerer eine Wohnung finden oder bei einem Kneipenbummel sich der Polizei gleich mehrfach ausweisen müssen, wenn muslimische Studenten per Rasterfahndung leicht in Generalverdacht
geraten - dann wird die Beschwörung eines „Dialogs der Kulturen“ weniger glaubwürdig. Viele an sich positive politische Signale werden durch ihr glattes Gegenteil gleich konterkariert und unter den Verdacht der Heuchelei gestellt:
Wenn Präsident Bush einerseits eine Moschee in New York besucht, um eine Geste des guten Willens zu demonstrieren und zugleich von einem „Kreuzzug“ in Afghanistan spricht, wenn der italienische Ministerpräsident in schöner
Deutlichkeit formuliert: Als Beschwörungsformel ist der Dialog der Kulturen erledigt, da die Signale beider Seiten zu deutlich waren, ihn nicht wirklich ernst zu nehmen. Aber der 11. September und seine politischen Folgen sollten uns genug
Anlaß bieten, den Dialog mit der islamisch geprägten Welt endlich seriös zu führen. Ein solcher Dialog muß aber auf Dauer angelegt sein und kontinuierlich betrieben werden, er darf nicht nur zwischen den Eliten beider Seiten,
sondern muß zwischen den Gesellschaften stattfinden - und er kann nicht die Belehrung der anderen Seite über die eigenen Vorzüge zum Ziel haben, sondern setzt die Fähigkeit zum Zuhören und der kritischen Selbstreflexion voraus, und
zwar auch bei uns. Das alles ist unbequem, es ist lästig, aber es ist nötig. Und vielleicht haben wir jetzt die letzte Chance für lange Zeit. in: epd-Entwicklungspolitik , Heft 23/24, Dezember 2001, S. 17andere Texte zum interkulturellen Dialog
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